Entwicklung in Deutschland:

Die Freien Wähler in der heutigen Form entwickelten sich in Deutschland erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Das seinerzeitige "politische Vakuum", gepaart mit dem in der Nachkriegszeit verbreiteten Desinteresse für politische Dinge war der Nährboden für das Entstehen reiner kommunaler Wählervereinigungen. Nach der Katastrophe des Weltkrieges und der Naziherrschaft waren es Frauen und Männer der ersten Stunde, die sich für freie und unabhängige Wählergruppen interessierten und für Kommunalparlamente kandidierten. Sie nahmen das Recht wahr, sich als Bürger -frei von parteilichen Interessen- an der Selbstverwaltung ihrer Gemeinde, Stadt oder ihres Kreises zu beteiligen. 

Das bundesdeutsche Parteiensystem entwickelte sich erst in den fünfziger Jahren, da bis etwa 1950 ein Lizenzierungszwang für die Parteien durch die Alliierten herrschte. Ab Mitte der fünfziger Jahre bis weit in die siebziger Jahre konzentrierten sich dann die Wähler bundesweit mehrheitlich auf Union, SPD und FDP. Das heutige Mehrparteiensystem ergab sich erst später, wobei die Umweltbewegung und auch die Wiedervereinigung eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielten.

Entwicklung in Bayern:

Auch in Bayern bildeten sich nach dem Krieg zuerst auf kommunaler und regionaler Ebene Wählergemeinschaften. Mit dem Entstehen des Parteiensystems traten ausschließlich auf kommunaler und regionaler Ebene diese Wählergemeinschaften als Alternative zu den etablierten Parteien mit eigenen, unabhängigen Kandidaten an. Speziell in Bayern betätigten sich diese parteifreien Wählergemeinschaften höchst erfolgreich in der Kommunalpolitik: Heute sind in Bayern knapp 40 Prozent aller Gemeinde- und Stadträte parteifrei und jeder dritte Bürgermeister ist ein "Freier"

Entwicklung in Roßtal:

Vor der Gebietsreform waren ein Teil der damaligen Gemeinderäte in den seinerzeit noch eigenständigen Gemeinden Buchschwabach, Großweismannsdorf, Markt Roßtal, Weitersdorf und Weinzierlein politisch nicht organisiert und somit auch kein Mitglied einer unserer etablierten Parteien. 

Das Jahr 1972 stellt das Geburtsjahr der Freien Wähler Roßtal dar. Im Vorfeld zu der für den 11.06.1972 angesetzten Gemeinderatswahl trafen sich einige Roßtaler, die an einer Mitarbeit im Gemeinderat interessiert waren, um eine entsprechende Vorgehensweise zu planen. Eine tragende Rolle spielten dabei die beiden Jugendfreunde Georg Schütze und Hans Walther. Beide wurden seinerzeit von dem Bauunternehmer Hans Bauer für die Kommunalpolitik gewonnen. Zusammen mit anderen wollten diese mit einer eigenen Liste an der Gemeinderatswahl antreten. Sie entschlossen sich unter dem Namen "Freie Wähler" an der Gemeinderatswahl teilzunehmen. Hierfür waren seinerzeit 64 Unterstützerunterschriften nötig, die auch ganz leicht zusammenkamen. Bei dem neu gegründeten Verein "Freie Wähler Roßtal e.V." wurde Georg Schütze zum ersten und Hans Walther zum zweiten Vorsitzenden gewählt.

Das folgende Bild eines Auszuges des seinerzeitigen Faltblatts zeigt die komplette erste Liste der Freien Wähler Roßtal für die Kommunalwahl 1972.

Die 16 Kandidatinnen und Kandidaten (leider nur eine Frau) der ersten Freie Wähler Liste sind -nicht ganz genderkorrekt formuliert- die Gründungsväter und damit der Ursprung der Freien Wähler Roßtal. Das war unser Beginn. Zwei davon (Georg Schütze und Hans Walther) wurden auch in den seinerzeit noch sechzehnköpfigen Gemeinderat gewählt. 

Nach der Gebietsreform 1978 und der in diesem Jahr stattgefundenen Gemeinderatswahl wurden bereits vier Freie Wähler (Hans Schmidt, Josef Konopik, Georg Schütze, Hans Walther) in den nun vergrößerten gemeinsamen Gemeinderat (20 Sitze) gewählt. Der letzte noch lebende dieses Quartetts, welche die Entwicklung der Freien Wähler Roßtal stark geprägt haben, ist Hans Walther. Er war insgesamt 18 Jahre Marktrat. In dieser Zeit hat er sich beruflich bedingt besonders um die Belange des Bauausschusses engagiert.

Er wirkt bis heute hinter den Kulissen mit und ist auf fast jeder unserer Veranstaltungen präsent. Als Dank für seine langjährige aktive und erfolgreiche Tätigkeit und den damit verbundenen Verdiensten wurde Hans Walther im Jahre 2009 zum Ehrenmitglied der Freien Wähler Roßtal e.V. ernannt.

 

Die heutige Fraktion der Freien Wähler Roßtal umfasst inzwischen 5 Mitglieder (Fritz Wagner, Hans-Günther Fischhaber, Hartmut Igel, Jochen Adel und Dr. Walter Zägelein).

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Freien Wähler Roßtal im Zeitraum von 1078 bis 2008 über insgesamt 17 Jahre den 2. bzw. 3. Bürgermeister gestellt haben.

Besonderheit der Freien Wähler:

1978 wurde der "Landesverband der freien und unabhängigen Wählergemeinschaften e.V. (FW Landesverband Bayern)" als Dachverband der parteiunabhängigen Wählervereinigungen gegründet. Der Landesverband hat als Mitglieder daher nur Orts- und Kreisverbände und keine natürlichen Personen. Dies ist ein Unterschied zu den etablierten Parteien. Mitglieder des Landesverbandes sind gegenwärtig rund 870 Orts- und Kreisverbände. Der Ortsverein Freie Wähler Roßtal e.V. ist ebenfalls Mitglied in diesem Dachverband.

Mit der Entscheidung der Freien Wähler Bayern, sich 1998 erstmals an der bayerischen Landtagswahl zu beteiligen, musste eine zusätzliche Struktur eingeführt werden. Nach deutschem Wahlgesetz können nur Gruppierungen an Wahlen außerhalb der Kommune, wie z.B. Bezirkstag, Landtag und Bundestag teilnehmen, die als Mitglieder ausschließlich natürliche Personen haben. Deshalb wurde hierzu eine zusätzliche Einheit gegründet, die sich inzwischen "Landesvereinigung Freie Wähler Bayern e.V." nennt. Hier können nur natürliche Personen Mitglied sein. Die Landesvereinigung untergliedert sich weiterhin in Bezirks- und Kreisvereinigungen und hat somit eine ähnliche Struktur wie die anderen Parteien. Aber genau dies ist nach deutschem Wahlgesetz zwingend notwendig.

Die weit überwiegende Zahl der Freien Wähler ist im Bereich der Kommunalpolitik tätig. Diese sind meist nur Mitglied des jeweiligen Ortsverbandes ihres Wohnortes, welcher wiederum dem Landesverband angeschlossen sind.

Auf der Mitgliederliste der Landesvereinigung findet man in der Regel diejenigen, welche auf Bezirks-, Landes- oder Bundesebene aktiv Politik betreiben, für ein Amt in diesem Bereich kandidieren oder auch nur als Unterstützer wirken möchten.

Entwicklung der Landesvereinigung Freie Wähler Bayern e.V.:

Bei der Landtagswahl 2008 zogen die Freien Wähler erstmals mit 10,2 % der Wählerstimmen und 21 Mandaten in den Landtag ein und bildeten dort nach CSU und SPD die drittstärkste Kraft. Bei der Landtagswahl 2013 verteidigten die Freien Wähler mit 9,0 % der Wählerstimmen und 19 Mandaten den dritten Platz. Dabei errang auch die FW-Kandidatin unseres Stimmkreises Landkreis Fürth - Neustadt/Aisch - Bad Windsheim, Gabi Schmidt aus Ühlfeld, erstmals einen Sitz im Bayerischen Landtag.

Bei der Landtagswahl 2018 erzielten die Freien Wähler 11,6% der Stimmen, was wiederum 27 Sitze im Bayerischen Landtag bedeutet. Auch hier zog die Kandidatin unseres Stimmkreises (Gabi Schmidt) wieder mit in den Landtag ein. Die Freien Wähler sind im Bayerischen Landtag die ausgleichende und stabile Kraft der bürgerlichen Mitte. Seit 2.11.2018 haben die Freien Wähler Bayern zusammen mit der CSU eine Regierungskoalition gebildet.

Auch in den Bezirkstagen sind die Freien Wähler bayernweit vertreten. Bei der Bezirkstagswahl 2013 errangen sie insgesamt 21 Mandate und bei der Bezirkstagswahl 2018 bayernweit sogar 24 Mandate. Seit 2018 ist Armin Kroder von den Freien Wählern der Bezirkstagspräsident von Mittelfranken.

Ihr

Prof. Dr. Walter Zägelein